Über Faulty

Mein Name ist Faulty.

Zumindest nennt mich mein Mensch so. Ich persönlich hätte mir einen etwas würdevolleren Namen ausgesucht, aber Fahrräder werden bei solchen Entscheidungen bekanntlich nicht gefragt. Bevor wir gemeinsam auf Reisen gehen, sollte ich mich wohl kurz vorstellen. Meine Geschichte lässt sich eigentlich in drei Lebensabschnitte einteilen. Der erste begann 1991, als ich als Trek 950 das Licht der Fahrradwelt erblickte. Damals war ich ein ganz normales Mountainbike mit Stahlrahmen und einem langen Leben vor mir. Über diese Zeit weiß ich allerdings erstaunlich wenig. Man wird älter, manches verblasst und außerdem erzählt mir ja niemand etwas. Der zweite Lebensabschnitt begann viele Jahre später, als mein Mensch mich auf eBay Kleinanzeigen entdeckte. Ehrlich gesagt hielt ich ihn zunächst für einen gewöhnlichen Käufer. Ein Irrtum, wie sich sehr schnell herausstellen sollte. Und schließlich begann mein dritter Lebensabschnitt. Der Grund, warum ihr diese Zeilen überhaupt lesen. Eine grenzenlose Radreise quer durch Europa und den Rest der Welt. Aber dazu kommen wir später. Zunächst zurück ins Jahr 1991.

Erstes Leben

Ich wurde 1991 als Trek 950 geboren. Damals war Stahl noch nichts Besonderes. Stahl war einfach das Material, aus dem anständige Fahrräder gebaut wurden. Über mein erstes Leben weiß ich leider nur wenig. Ich weiß nicht, wer mich gekauft hat. Ich weiß nicht, welche Wege wir gemeinsam gefahren sind. Ich weiß nicht einmal, wie viele Menschen mich besessen haben. Ich weiß nur, dass ich viele Jahre ein ganz normales Fahrradleben geführt haben muss. Irgendwann änderte sich das. Ich wurde immer seltener bewegt. Aus gelegentlichen Ausfahrten wurden Monate des Stillstands. Schließlich landete ich ungenutzt in einer Garage. Dort stand ich; Tag für Tag; Monat für Monat; vielleicht sogar Jahre. Fahrräder besitzen leider keinen Kalender. Eines Tages wurde ich aus der Garage geholt. Für einen kurzen Moment glaubte ich, endlich wieder fahren zu dürfen. Stattdessen machte jemand Fotos von mir. Kurz darauf fand ich mich auf eBay Kleinanzeigen wieder. Ich war alt und gebraucht und ehrlich gesagt rechnete ich nicht mehr mit allzu viel. Ich hoffte auf jemanden, der mich vielleicht noch für kleine Touren benutzen würde. Oder wenigstens auf einen trockenen Keller. Dann erschien mein Mensch. Rückblickend hätte ich vielleicht mi sstrauischer sein sollen.

Zweites Leben

Nachdem mein Mensch mich gekauft hatte, schöpfte ich neue Hoffnung. „Endlich geht es wieder auf die Straße.“ Wie naiv ich doch war. Zu Hause angekommen begann er sofort mit der Arbeit. Zunächst verschwand mein Vorderrad, dann mein Hinterrad, die Bremsen, der Lenker., die Schaltung…. ein Teil nach dem anderen. Sogar von meiner Gabel wurde ich getrennt. Wenn man nicht einmal seine eigene Gabel behalten darf, sollte man sich ernsthafte Gedanken über seine Zukunft machen. Irgendwann lag ich nackt auf dem Werkstattboden. Von einem Mountainbike war nicht mehr viel übrig. Eigentlich war dar nur noch noch ich, mein Rahmen. Ganz ehrlich? In diesem Moment war ich überzeugt, dass mein Ende gekommen war. Mein Mensch packte mich anschließend in einen dunklen Karton; keine Räder. nur m Rahmen und Gabel, Kein Licht. Ich rechnete fest damit, dass der nächste Halt ein Schrottcontainer sein würde.

Doch als der Karton wieder geöffnet wurde, fand ich mich an einem Ort wieder, den ich heute nur noch als Schönheitsfarm für alte Stahlrahmen bezeichne. Andere nennen es Pulverbeschichtung. Zunächst entfernte man jede einzelne Roststelle. Anschließend verschwand mein alter Lack vollständig. Ich fühlte mich plötzlich erschreckend… nackt. Danach bekam ich ein neues Kleid. Ich hatte auf ein elegantes Schwarz gehofft. Oder vielleicht ein klassisches Dunkelblau. Mein Mensch entschied sich für Gelbgrün (RAL 6018). Nun ja…. Seitdem werde ich wenigstens auf keinem Parkplatz mehr übersehen. Damit war die Verwandlung allerdings noch lange nicht abgeschlossen. Nach der Rückreise zu meinem Mensch, begann er mich wieder zusammenzusetzen. Doch diesmal geschah etwas Merkwürdiges. Es kamen nicht einfach irgendwelche Teile zurück. Jedes einzelne Bauteil schien sorgfältig ausgewählt worden zu sein. Ich verstand damals nicht, warum. Heute weiß ich es. Mein Mensch wollte kein altes Mountainbike restaurieren. Er wollte einen Reisegefährten bauen. Und ohne dass ich es ahnte, bereitete er mich auf den größten Abschnitt meines Lebens vor.

Mein drittes Leben (seit 2020)

Irgendwann war ich bereit. Na ja… Fast. Mein Mensch behauptet bis heute, ein Fahrrad werde irgendwann fertig. Ich halte das für eine gewagte Theorie. Denn auch nach den ersten Reisen wurden immer wieder Teile verbessert, ersetzt oder neu ausprobiert. Aber das spielte keine Rolle mehr. Endlich durfte ich das tun, wofür ich aufgebaut worden war. Reisen. Unsere erste große Tour führte uns von Nordrhein-Westfalen in die Lüneburger Heide. Von dort ging es weiter zur Elbe, den Elberadweg entlang bis zum Saaleradweg, durch den Thüringer Wald und schließlich über den Mainradweg zurück. Zum ersten Mal waren wir viele Tage am Stück unterwegs. Zum ersten Mal stand ich morgens voll bepackt vor einem Zelt. Und zum ersten Mal merkte ich, dass mein Mensch morgens besser erst einmal in Ruhe gelassen werden möchte. Und zum ersten Mal merkte er, dass ich zwar Berge akzeptiere … sie aber trotzdem für eine ziemlich überflüssige Erfindung halte.

Nach dieser Reise folgten weitere; ein Teil des Radwegs Deutsche Einheit; drei Wochen durch Dänemark. Mit jeder Tour wurden wir ein eingespielteres Team. Natürlich schraubte mein Mensch auch weiterhin an mir herum. Mal wurde etwas verbessert, mal etwas ersetzt, mal einfach nur etwas neues ausprobiert. So ist das eben, wenn man gemeinsam immer weiter unterwegs sein möchte. Heute weiß ich: Die Reise begann nicht erst im Sommer 2026. Sie begann viele Jahre früher. Mit jeder einzelnen Tour. Mit jedem gemeinsam gefahrenen Kilometer. Mit jeder Tour wurden wir ein eingespielteres Team. Nun kennt ihr meine Geschichte. Die meines Menschen ist mindestens genauso spannend – auch wenn er das vermutlich anders sehen würde.

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